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Wilhelm Leibl (1844-1900),
Drei Frauen in der Kirche, 1878-1882,
Öl auf Holz, 113 x 77 cm,
Hamburg, Kunsthalle

  Wilhelm Leibl, Drei Frauen in der Kirche  

In einem Brief an seine Mutter vom 26. Oktober 1878 beschreibt Wilhelm Leibl das in Berbling begonnene Projekt mit folgenden Worten: "Ich male nämlich ein junges und zwei alte Weiber, die am Beichtstuhl sitzen und im Gebet vertieft sind. Alle haben Gebirgstracht (Miesbacher Tracht) an, welche sehr schön ist, besonders bei der Jüngeren. Ich kann nicht begreifen, dass noch niemand diese Leute genau gemalt hat. Was ich bisher fertig habe, hat zwar furchtbare Arbeit gekostet, ist aber nach Ausspruch derer die es gesehen haben, das Beste von meinen bisherigen Arbeiten."

Vier Jahre arbeitete Leibl an diesem Bild - eine ungeheure Strapaze für den Maler und die Modelle. Leibl malte sehr langsam, folglich konnte er nur still sitzende oder stehende Menschen malen. Jedes Detail immer wieder verfeinernd erreichte er so eine Präsenz aller Einzelheiten, welche die Erinnerung an die niederländischen Meister des 15. und des 17. Jahrhunderts wachruft. Als "wunderbar in der Empfindung" bezeichnete Vincent van Gogh das Bild der Drei Frauen in der Kirche.

Das Gemälde bedarf letztlich keiner Erklärung, da es sich vollkommen aus der Anschauung erschließt. Drei Frauen verschiedener Altersstufen haben sich betend in einer Kirchenbank niedergelassen. Meisterhaft sind die Köpfe differenziert: die glatte, jugendliche Haut des jungen Mädchens im Vordergrund, die bis in das feinste Detail durchgearbeitete runzlige Haut der gebeugten alten Frau in der Mitte, das gestraffte, aber bereits vom Alter geprägte Profil der Rosenkranz-Betenden im Hintergrund. Prägnant sind auch die Hände der Frauen erfasst. Es sind Hände arbeitender Frauen, Schmutzränder der Fingernägel verraten deren ländliche Arbeit in ganz "natürlicher" Weise.

 

Die detailgenaue Darstellung der Gewänder zeigt eine unvergleichliche Virtuosität in der Wiedergabe der stofflichen Qualitäten, wie zum Beispiel bei dem zwischen Licht und Schatten vielfach abgetönten karierten Kleid der Jugendlichen. Die selbe Sorgfalt lässt Leibl den Gegenständen - dem Tonkrug vorne rechts, den Gebetbüchern oder den geschnitzten Kirchenbänken - angedeihen. Mit welcher Genauigkeit Leibl die Einzelheiten beobachtet hat, beweist die Tatsache, dass die Kirchenbank mit der im Stil des Rokoko gearbeiteten Wange noch heute wiederzuerkennen ist.

Die Bewunderung der realistischen Wiedergabe sollte jedoch nicht den Blick für die kunstvolle Komposition verstellen: Die hellen Farben des Mädchens werden vor einem dunklen Grund, die dunklen Gestalten der beiden älteren Frauen vor eine helle Wand gesetzt. Diese helle Fläche bildet zugleich ein optisches Gegengewicht zu der starken Akzentuierung der rechten Bildseite. Zudem sind die Figuren so gesetzt, dass die beiden äusseren gleichsam wie Eckpfeiler für die in sich zusammen-gesunkene mittlere wirken. Das Verschwimmen der Buchstaben im Gebetbuch der jungen Frau charakterisiert das Abschweifen ihrer Gedanken, ihre Jugend. Im Gegensatz dazu steht die angespannte Konzentration der Alten, aus deren großformatigen Buch das Wort "Demuth" gelesen werden kann.

Leibl suchte seine Modelle bei den Bauern und den einfachen Menschen, die ganz in ihrem praktischen Tun aufgingen; stolze Menschen, denen er keine Gefühle anzudichten brauchte. So fest wie diese im Leben standen band der Maler sie in seine unglaublich feste Bildstruktur ein.

Allein die Farben, die verschiedenen Lebensalter, die Rhythmik der betenden Hände geben dem Bild in der Diagonalen eine Dynamik – eine Dynamik die, weil ´Gottgewollt` und an die Natur des Menschendaseins gebunden, dennoch eine unverrückbare Wahrheit wiedergibt.

Literaturtipp:
Beate Söntgen, Sehen ist alles; Wilhelm Leibl und die Wahrnehmung des Realismus, München 2000.
Wilhelm Leibl, Briefe, hg. v. Boris Röhrl, Hildesheim u.a. 1996.
G. Czymmek, C. Lenz (Hg.), Wilhelm Leibl zum 150. Geburtstag, Katalog zur Ausstellung in München und Köln, 1994.

Ausstellung:
L`eta di Courbet e Monet (Die Verbreitung des Realismus und des Impressionismus im mittleren und östlichen Europa), Villa Manin, Centro d` arte contemporanea, Codroipo (UD), Italien, Bis 7. März 2010. www.villamanin-eventi.it

 
 

 

 

 

 
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