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Jean Baptiste-Camille Corot (1796-1875), Brücke von Narni, Augustusbrücke über die Niera, 1826 Paris, Louvre, Ölstudie auf Papier auf Leinwand, 34 x 48 cm

Jean Baptiste-Camille Corot, Brücke von Narni

Camille Corot wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts als „der einzige große französische Landschaftsmaler“ bezeichnet. Heute steht er zu Unrecht im Allgemeinbewusstsein etwas im Schatten der Impressionisten, die ihn liebevoll „Papa Corot“ nannten und für die er selber ein so bedeutender Wegbereiter gewesen ist.

Seine Eltern hatten ihn zunächst für den Kaufmannsberuf bestimmt, und erst mit 26 Jahren erhielt er die Erlaubnis, sich ganz der Malerei zu widmen. Im Atelier von Victor Bertin wurde er vornehmlich in der Landschaftsmalerei geschult, die dem Stil von Nicolas Poussin (1594-1665) verpflichtet ist. Zugleich aber setzte sich seine ureigenste Begabung durch, indem er vor der Natur malte. Obwohl er selber diese Werke nur als Studien ansah, gehören sie zu den schönsten Zeugnissen seiner Jugendzeit. Außerdem kopierte er Werke von Joseph Vernet (1714-1789) und von niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts. Seine „offiziellen“ Gemälde aus dieser Zeit stellen Landschaften mit biblischen und mythologischen Szenen dar.

Das für seine Entwicklung entscheidende Erlebnis ist ein Italienaufenthalt in den Jahren 1825-1828. Unter dem Eindruck der südlichen Kunst und Landschaft entfaltet sich seine Fähigkeit, klassisch ausgewogene Kompositionen zu schaffen. Von den Malern der Vergangenheit werden Poussin und Claude Lorrain (1600-1682) seine wegweisenden Vorbilder. An Poussin bewundert er die Strenge des Bildaufbaus, an Lorrain den Zauber in der Wiedergabe des atmosphärischen Lichtes.

Eine Fülle meist kleinformatiger Ölbilder, die Rom und seine Umgebung, die Villa d`Este in Tivoli, aber auch Motive aus Umbrien und der Toskana zum Gegenstand haben, zeigen die leidenschaftliche Hingabe an die Schönheit dieser Landschaft. Auch in den folgenden Jahrzehnten ist Corot häufig auf Reisen, lernt neben Frankreich, Belgien, Holland, die Schweiz und London kennen und besucht noch weitere zweimal Italien.

 

„Die Brücke von Narni“ ist die Ölstudie für ein Gemälde, das Corot 1827 im Salon in Paris ausstellte. Von einem Hang aus ist in unvergleichlicher Frische und Spontanität das Tal der Niera bei Narni im südlichen Umbrien dargestellt. Corot verzichtet, selbst im Vordergrund, auf die präzise Wiedergabe von Einzelheiten, Felsen, Wiesen und Baumbestand erscheinen wie hingetupft und schließen sich erst bei der Betrachtung aus etwas größerer Entfernung zusammen. Das Flussbett führt den Blick in leichter Schwingung aus der rechten vorderen Bildecke in den Mittelgrund, wo hinter den Ruinen hoher weitgeschwungener Brückenbögen die niedrige Brücke sichtbar wird. Im Hintergrund öffnet sich die Weite des Tales, die durch die sanft gewellten Bergketten abgeschlossen wird.

Bei aller Freiheit in der malerischen Behandlung und der überzeugenden Naturnähe des Bildausschnittes steht hinter der Skizze ein überlegener Gestaltungswille. Rechts und links wird das Bild durch die ansteigenden Flussufer begrenzt. Der stärkeren Betonung des unmittelbar an den vorderen Bildrand reichenden Hanges an der linken Seite ist rechts der Akzent des mächtigen Brückenbogens entgegengesetzt. Die in die Tiefe führenden Linien von Wegen und Wasserlauf werden durch die Abfolge der bildparallel geführten Brücken in die horizontale Ausbreitung von Ebene und Bergketten übergeleitet.

Auf starke Farbkontraste verzichtet Corot und unterstützt so auch von malerischer Seite die Einsicht des Ganzen. In der Wiedergabe von Licht und Atmosphäre erweist er sich als Vorläufer der Impressionisten, denen er in seinen Spätwerken durch Aufhellung der Palette und die Bevorzugung silbriger Farbtöne noch näherkommen wird.

Literaturtipp:
Felix Baumann (Hg.), Sehnsucht nach Italien, Corot und die frühe Freilichtmalerei 1780-1850, Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Museum Langmatt, Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown, Baden/Schweiz, Heidelberg 2004.
Bernadette Caille (Hg.), Jean-Baptiste-Camille Corot, Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Grand Palais, Paris und The Metropolitan Museum of Art, New York, Paris 1996.
Ines Dresel, Camille Corot, Landschaftszeichnungen, Freiburg, 1993.
Peter Galassi, Corot in Italien, Freilichtmalerei und klassische Landschaftstradition, München 1991.

Ausstellungen:
London, National Gallery: Corot to Monet,
A fresh look at landscape from the collection. 8. Juli bis 20. September 2009. www.nationalgallery.org.uk
(Die Ausstellung zeichnet die Entwicklung der Landschaftsmalerei vom späten 18. Jahrhundert bis zur ersten Impressionistenausstellung 1874 nach).

St. Gallen, Kunstmuseum: Phantasien – Topographien: Niederländische Land-schaften des 16. und 17. Jahrhunderts.
29. August bis 6. Dezember 2009. www.kunstmuseumsg.ch

 
 

 

 

 

 
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