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Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829)
Goethe in der römischen Campagna, 1787, Öl auf Leinwand, 164 x 206 cm,
Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M.

Edouard Manet, Bar in den Folies-Bergère

"Tischbein mahlt mich jetzo. Ich lasse ihn gehen, denn einem solchen Künstler muß man nicht einreden. Er mahlt mich in Lebensgröße, in einem weisen Mantel gehüllt, in freyer Luft auf Ruinen sitzend und im Hintergrunde die Campagna di Roma. Es giebt ein schönes Bild, nur zu groß für unsre Nordischen Wohnungen", schreibt Goethe im Dezember 1786 aus Rom an seine Freundin Charlotte von Stein nach Weimar.

Es folgen weitere Briefe Goethes und auch des Malers Tischbein selbst, in denen der Entstehungsprozess des Bildes geschildert wird. Für Kunsthistoriker sind diese Briefe ein wahrer Glücksfall, denn sie geben mehr als 200 Jahre nach der Entstehung Hintergrundinformationen gewissermaßen durch Goethe und Tischbein selbst.

Demnach beginnt Tischbein sein Goethe-Porträt im Herbst 1786 kurz nach Beginn ihrer Freundschaft. Goethe, der sich inkognito auf seiner lang ersehnten Italienreise befindet, zieht gleich nach seiner Ankunft in Rom in Tischbeins Wohnung. Er schreibt: "Das stärckste was mich in Italien hält ist Tischbein, ich werde nie ... so viel in kurzer Zeit lernen können als jetzt in Gesellschafft dieses ausgebildeten, erfahrenen, feinen, richtigen, mir mit Leib und Seele anhängenden Mannes." Bei soviel Sympathie wird Goethe Tischbeins Entschluss, ihn zu porträtieren, gerne zugestimmt haben.

Tischbein malt Goethe in Reisekleidung auf antiken Ruinen in der Landschaft vor Rom lagernd. Der nachdenkliche und doch wache Blick des Dichters ist in die Ferne gerichtet. Die markante Nase und der Mund mit den sinnlichen Lippen verraten Charakterstärke und Sensibilität zugleich. Die selbstbewusste Pose Goethes wird durch den großen schwarzen Hut, der den Kopf des 37jährigen wie ein Kranz umrahmt, unterstrichen.

 

Tischbein schreibt "... sein Gesicht will ich recht genau und wahr nachzeichnen. Denn man kann wohl keinen glücklicheren und ausdrucksvolleren Kopf sehen ..." Dies scheint ihm gelungen, denn Goethe klingt zufrieden, wenn er urteilt: "Mein Porträt wird glücklich, es gleicht sehr, und der Gedanke gefällt jedermann ..."

Tischbein malt das Porträt ganz im Sinne des Klassizismus nach der Natur. Das Körperliche soll nachgezeichnet werden, so wie es ist. Um diese Art des Malens ausführlich studieren zu können, ist Tischbein nach Italien gereist. Diese Sehnsucht nach Formklarheit führt auch Goethe nach Italien. In dieser Begeisterung für die klassische Kultur des Altertums und die der Renaissance fühlen sich die beiden Freunde verbunden.

Das Interesse an der Antike - an Ägypten, Griechenland und dem alten Rom - ist der Gedanke, den Goethe meint. Durch die Ruinen in der römischen Landschaft, dem Grabmal der Caecilia Metella in der Mitte des Bildhintergrundes, dem Aquädukt am rechten Bildrand, den griechischen Relieffragmenten und den Resten des ägyptischen Obelisken, auf dem Goethe ruht, wird er dargestellt. Damit werden Wissen und Wirken des Porträtierten und somit seine Bedeutung hervorgehoben. Mit dem Marmorrelief, auf dem Iphigenie und Orest zu erkennen sind, spielt Tischbein z.B. auf das Bühnenstück „Iphigenie auf Tauris“ an, an dem Goethe in Italien arbeitet.

Obwohl das Goethe-Porträt Tischbeins berühmtestes Bild ist, hat der Künstler es weder signiert noch datiert. Wahrscheinlich war es für ihn unvollendet und er beabsichtigte, die Mängel wie z.B. das überlange linke Bein und die Tatsache, das Goethe „zwei linke Füße“ hat, zu beseitigen. Wie dem auch sei, das Porträt hat unser Goethebild bis heute bestimmt und dem Maler den Beinamen „Goethe-Tischbein“ zur besonderen Hervorhebung im weiten Tischbein-Clan verliehen.

Literaturtipp:
Ch. Lenz, Tischbein, Goethe in der Campagna di Roma, Frankfurt 1979.
A. Arnd (Hg.), Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Das Werk des Goethe-Malers zwischen Kunst, Wissenschaft und Alltagskultur, Petersberg, 2001.
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen, Ausstellungskatlog zur gleichnamigen Ausstellung Weimar, Rom und Hamburg, hg. v. Hermann Mildenberger, Berlin u.a., 2006. K. Michels, 5 Minuten für die Kunst, München 2007. www.staedelmuseum.de

Links:
www.goethe-museum.com
www.staedelmseum.de
www.hamburger-kunsthalle.de

 
 

 

 

 

 
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