 |
Aktuelle Bildbesprechung
Weitere Bildbesprechungen finden Sie im Archiv.
Edouard Manet (1832-1883)
Eine Bar in den Folies-Bergère, um 1881/82, Öl auf Leinwand, 96 x 130 cm, London, Courtauld Institute Galleries
Das urbane Leben, das sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Paris entwickelte, war eines der Hauptthemen der Maler und Schriftsteller dieser Zeit. Es begann die Zeit der Massenamüsements und hektischen Zerstreuungen, der Café-Konzerte, in denen jeder kommen und gehen konnte wie es ihm beliebte.
Die Künstler mussten neue Mittel und Wege finden, dieses moderne flüchtige, schnelle Leben zu erfassen. Edouard Manet hat einen Ausschnitt gewählt, eine Momentaufnahme mitten aus dem Geschehen, die spontan wirkt, jedoch wohl kalkuliert ist.
Ein Freund Manets, Georges Jeanniot, besuchte den Künstler während er an diesem Gemälde arbeitete, und berichtet später aus der Erinnerung: „Als ich im Januar 1882 nach Paris zurückkam, galt mein erster Besuch Manet. (...) Er malte damals die Bar in den Folies-Bergère, und das Modell, ein hübsches Mädchen, stand hinter einem mit Flaschen und Lebensmitteln beladenen Tisch. (...) Ich nahm einen Stuhl hinter ihn und sah ihm beim Arbeiten zu. Obwohl Manet seine Bilder nach dem Modell malte, kopierte er die Natur in keiner Weise. (...) Der Kopf der Frau bekam Form, aber die Modellierung wurde nicht durch die Mittel, welche die Natur bot, gewonnen. Alles war vereinfacht ...“
Tatsächlich hat Manet mit den Mitteln der Vereinfachung sein Können noch einmal in diesem Bild, dass er als Medaillenträger 1882 im Salon zeigte, zusammengefasst. Das Werk überzeugt in seiner malerischen Qualität, der Intensität und Vielschichtigkeit, mit der Manet hier die Gesellschaft, in der er lebt, ausschnitthaft beschreibt und interpretiert. Dabei lenkt er alle Aufmerksamkeit auf das Mädchen hinter der Theke. In ihrer Person hat er gleichsam alle Assoziationen des Vergnügungspalastes zusammengefasst.
Die Farben sind etwas stumpf, was vielleicht auch auf die verrauchte, etwas morbide Atmosphäre des Lokals Bezug nimmt. Manet registriert die harte Kälte der weißen Kugellampen, die wie Knöpfe auf der Bildfläche sitzen. Der Bildteppich wirkt absichtlich verwirrend, weil das meiste auf dem Bild nur in einer großen Spiegelwand hinter dem Rücken des Barmädchens erscheint. Dabei werden die Gesetze der Perspektive in unfassbarer Weise gebrochen. |
|
Der Rücken des Mädchens und der ihr gegenüberstehende Kunde, in dem sich auch der Betrachter wiederfindet, ist im Spiegelbild zur Seite verschoben. Das Mädchen, dessen eng geschnürte Taille verzeichnet erscheint und das mit seinem blumengeschmückten Dekolleté ebenso als eine zum Konsum verlockende Ware ausgestellt ist wie die Flaschen und Früchte vor ihr (nur die Rosen in einem Weinglas erscheinen als kleine zärtliche Geste an sie), hat mit ihrem etwas zur Seite ausweichenden, müden und leeren Blick die unvergleichliche Manet`sche >>impassibilité<< (Unbeweglichkeit). Sie scheint nur mit ihrem Äußeren an dem Geschäft der Pariser Lebewelt beteiligt, nicht als ganzer Mensch.
Edouard Manet stand in einem intensiven Gedankenaustausch mit dem Dichter Charles Baudelaire, der als erster das Großstadtleben und dessen Morbidität beschrieb und den Begriff der >>Modernität<< geprägt hat. Modernität beinhaltete für ihn auch die Entfremdung der Menschen durch den Verlust der festgefügten gesellschaftlichen Strukturen. Baudelaire riet Manet, seine Themen in diesen dramatischen inneren Vorgängen zu suchen.
Manets Bilder sind auch Bilder der Isolierung und Entfremdung. Dabei stehen seine ´Kunstfiguren` monumental und frontal der vermeintlichen Erzählung entgegen, was die Spannung in den Gemälden ausmacht. Alle drei Bedeutungsebenen – Kunstfigur / Vereinzelung / zufälliges Zusammentreffen – richten an den Betrachter die Herausforderung, mehrdimensional zu schauen und zu denken.
Literaturtipp:
James Cuno (Hg.) Manet, Manet – Zwei Bilder im Dialog, Katalog zur Ausstellung: Edouard Manet, Le Déjeuner – Un Bar aux Folies-Bergère, London, München 2004-2005.
Néret Gilles, Edouard Manet 1832-1883, Vorreiter der Moderne, Köln u.a. 2003.
Ausstellungen:
Jena: Von Manet bis Renoir. Schätze französischer Malerei aus dem Musée du Petit Palais, Genf, Ausstellung vom 23.11.2008 bis 22.02.2009, Kunstsammlung im Stadtmuseum Jena. www.jena.de
Essen: Villa Hügel zeigt Folkwang. Renoir, Monet, van Gogh – Gauguin, Matisse, Dali, Ausstellung vom 12.06.2008 bis 31.08.2009, Villa Hügel. www.villahuegel.de
Riehen (CH): Venedig – Von Canaletto und Turner bis Monet, Ausstellung vom 28.09.2008 bis 15.02.2009, Fondation Beyeler. www.beyeler.com
Hamburg: Meisterwerke des Impressionismus aus der Kunsthalle Bremen, Ausstellung vom 15.02.2009 bis Januar 2011, Hamburger Kunsthalle. www.hamburger-kunsthalle.de |
|