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Bild des Monats Mai 2008.
Alle 'Monatsbilder' finden Sie im Archiv.

Carl Spitzweg (1808 - 1885),
Der Liebesbrief, 1845/46,
Öl auf Leinwand, 24 x 21 cm,
Berlin Nationalgalerie
.

  Carl Spitzweg, Der Liebesbrief  

Mehr als 1500 Gemälde und Ölstudien bilden neben zahlreichen Zeichnungen das Werk von Carl Spitzweg, der auch Meister des kleinen Formats genannt wird. Das Bild Der Liebesbrief ist eine der typischen bürgerlichen Szenen des beliebten Münchner Malers.

Die meisten Bilder von Spitzweg zeigen eine oder mehrere Figuren in einem abgeschirmten Bildraum. Vergleichbar mit einer Bühnenszene werden Spitzwegs mit Liebe und kritischem Humor gezeichneten Figuren zu Darstellern einer erdachten Erzählung. Dabei ist der Maler-Poet stets darauf bedacht, dass wir als Betrachter in die Geschichten hineinmanövriert werden und an den Gefühlen seines Bildpersonals teilhaben.

Der Liebesbrief spielt im vollen Sonnenlicht des frühen Nachmittags. In der stillen Abgeschlossenheit des Hausgartens - in der es gleichwohl blüht und duftet - zeigt sich die Hoffnung auf eine Freiheit außerhalb der Gartenmauer.

Ein junger Bote, der an der Hausecke aufgeregt über die Mauer späht, winkt mit einem versiegelten Brief der jungen Dame, die - im Vordergrund - mit einem „Pst“ den dienst-fertigen Postillon d`amour auffordert sein Geheimnis zu wahren: denn die alte schlafende Dame mit Rüschenhaube, die wohl auf das Mädchen aufpasst, darf nicht geweckt werden.

Die Attribute der Gartenarbeit, Gießkanne, Spaten und Sonnenhut, sind ebenso wie die blühenden Lilien, Malven und Königskerzen dem jungen Mädchen zugeordnet. Hier hat Spitzweg wohl auf mittelalterliche

 

Mariendarstellungen angespielt, deren stille und abgeschlossene Gärten, ebenso wie die Lilien, die Keuschheit und Jungfräulichkeit Marias bezeugen. Auch die Tatsache, dass das Mädchen in einem Buch liest, stellt eine Verbindung zu Marienbildnissen her. In Verkündigungs-Darstellungen wird die Gottesmutter regelmäßig beim Lesen von der Botschaft des Engels überrascht.

Bei Spitzweg jedoch geht es höchst irdisch zu, und wir haben keinen Zweifel, dass die junge Dame am Erhalt der süßen Nachricht größtes Interesse hat und sich um eine unauffällige Briefübergabe bemüht.

Mit Spannung verfolgen wir die Episode, die Spitzweg uns in einer präzisen Bildanordnung dargelegt hat. Geschickt hat er die Figuren in ein Dreieck komponiert, wobei die Mauer und der Schlagschatten die Darsteller nochmals zusammenfassen. Der blaue Zylinder, die blaue Schleife der Rüschenhaube und das im Webrahmen verarbeitete blaue Garn beschreiben eine weitere Diagonale die eine Verbindung zwischen der Innen- und Außenwelt herstellt.

Spitzwegs kleine gemalte Geschichten, die jeder verstehen kann, haben zu seiner Popularität entscheidend beigetragen. Denn sie behandeln Allgemein-Menschliches, hier: die Trägheit des Alters und die aufgeregte Anspannung und Wachsamkeit der Jugend.

Oft ist der Maler als Meister eines vordergründigen Humors missverstanden worden, wodurch seine malerischen Talente wenig beachtet wurden. Doch bei all seinem Sinn für anekdotische Zuspitzung gehörte Spitzweg in seinen späteren Jahren zu den Künstlern, die neue Wege in der Malerei suchten.

Literaturtipp:
• Jens Christian Jensen, Carl Spitzweg 1808-1885, München u.a. 2007;
• Ders., Carl Spitzweg, Köln 2003;
• Carl Spitzweg, Der Maler und Apotheker, Natur und Naturwissenschaft in seinem Werk. Katalog zur Ausstellung im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt, 2003/2004, Stuttgart 2003.

Ausstellungen:
• Radolfzell, Stadtmuseum und Städtische Kunstgalerie: Spitzweg und sein Frauenbild; Spitzweg und seine Malerfreunde. 9. Mai bis 3. August 2008.
• Schweinfurt, Museum Georg Schäfer, Große Jubiläumsausstellung Carl Spitzweg
(1808-1885) und Wilhelm Busch (1832-1908), zwei Künstlerjubiläen.
29. Juni bis 2. November 2008.
• Schleswig, Schloss Gottorf, Wilhelm Busch, Malerei und Zeichnung, bis 4. Mai
2008.

 
 

 

 

 

 
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