 |
Bild des Monats November 2007.
Alle 'Monatsbilder' finden Sie im Archiv.
Albrecht Dürer (1471-1528)
Weiher im Walde. (Morgendämmerung), 1495-97, Aquarell- und Deckfarben auf
Papier, 26,2 x 37,4 cm,
London, The British Museum
Der alleredelste Sinn der Menschen ist Sehen.
A. Dürer
Auf seinen Reisen und Wanderungen füllte Albrecht Dürer seine Skizzenbücher in den Alpentälern mit Zeichnungen und Aquarellen. Das Aquarell „Weiher im Walde“ entstand nach Dürers Rückkehr von seiner ersten Italienreise. Es stellt einen Höhepunkt seiner Farbphantasien dar und zeichnet sich durch gezielten Einsatz der malerischen Mittel aus.
Dürer hat in verschiedenen Aquarelltechniken gearbeitet. Der „Weiher im Walde“ ist in der sogenannten Mischtechnik gemalt. Zunächst wurde das Motiv mit transparenten Wasserfarben angelegt und nachträglich mit deckenden Farben behandelt. Mit diesem Verfahren hat Dürer die Körperlichkeit und Prägnanz einzelner Bildelemente hervorgehoben und diese gleichzeitig in ein Spannungsverhältnis zueinander gesetzt. Dabei ist es ihm in genialer Weise gelungen, dass sich Greifbar-Nahes, zum Beispiel das Uferschilf im Vordergrund oder die Baumkronen der Kiefern, mit dem Ungreifbar-Fernen, dem Wasser und dem Horizont, zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfügt.
Der Weiher nimmt die Mitte des Bildes vollständig ein und verbindet die vordere Bildebene mit der hinteren. Die Wasseroberfläche führt das Auge des Betrachters in die Tiefe des Bildes und öffnet den Landschaftsraum zwischen den begrenzenden Baumgruppen. Merkwürdig wirkt der Gegensatz der sechs kahlen Baumstämme am linken Ufer zu dem üppigen Nadelgehölz auf der gegenüberliegenden Seite. Die scheinbar unvollendeten Bäume links veranlassen einige Forscher, das Bild als unfertig anzusehen. Andere wiederum bezeichnen das Aquarell als ein Meisterwerk.
Die Beleuchtung des Himmels ist phantastisch bunt, sie wird auch als Sonnenuntergang gedeutet. Das Blau des Wolkenbandes antwortet dem Blau des Wassers - und verbindet Himmel und Erde gleichsam zu einem kosmischen Ereignis.
|
|
Mit dem Bild hat Dürer im eigentlichen Sinne kein Landschaftsporträt gemalt. Vielmehr erscheint uns dieser Naturausschnitt als ein visionärer Ort. Das Bild fasziniert, weil es eine Ahnung von Dürers persönlicher Landschaftserfahrung und Naturerkenntnis vermittelt.
„Denn wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie herausreißen kann, der hat sie.“ Dieser Ausspruch von Dürer fasst den hohen Anspruch des Malers an sein Werk zusammen: Die Zeich-nung ist ein Mittel, das Gesehene festzuhalten, und zugleich ein Weg, die Wahrhaftigkeit der Natur zu erkennen. Hier offenbart sich das Selbstverständnis des Renaissance-Künstlers und die neue Auffassung der Kunst. Der Künstler wird zum Mittler der Wahrheit und das Bild ist nicht mehr Abbild sondern Erkenntnisbild.
In jener Epoche, die auch den Namen ´Dürer-Zeit` trägt, erhalten die Kunstwerke neue Funktionen. Die Kunst wird nutzbar gemacht, um neue Einsichten in den Bau der Welt, der Natur und die Psyche des Menschen zu gewinnen.
Dürer hat die Aquarelltechnik nicht bewusst als künstlerisches Ausdrucksmittel gewählt. Seine Zeichnungen und Aquarelle waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. So wie er in seinen frühen Jahren die Aquarellmalerei aufgegriffen hat, so hat er sie wieder aufgegeben als er nach seiner zweiten Italienreise begann sich denkend und messend mit den künstlerischen Problemen, vor allem denen der Proportion und der Perspektive auseinander zu setzen.
Literaturtipp:
F. Piel, Albrecht Dürer, Aquarelle und Zeichnungen, Köln 1983.
Albrecht Dürer, Das gesamte grafische Werk, Köln 2000.
Albrecht Dürer, Aquarelle und Zeichnungen, mit einem Essay von John Berger, Köln u.a. 2005.
Hans Rupprich (Hg.), Albrecht Dürer, Schriftlicher Nachlaß, Berlin o.J.
Ausstellungen/Links:
Frankfurt a. M., Städel-Museum: Albrecht Dürer – Die Druckgraphiken im Städel Museum. 170 Kupferstiche, Holzschnitte und Radierungen des Nürnberger Renaissancekünstlers (1471-1528). 27.9.2007 bis 6.1.2008. www.staedelmuseum.de
Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza: Dürer und Cranach – Kunst und Humanismus in der deutschen Renaissance. 234 Werke von Albrecht Dürer, Lucas Cranach d.Ä., Hans Baldung Grien, Albrecht Altdorfer und weiteren Künstlern aus der Zeit vom späten 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. 9.10.2007 bis 6.1.2008. www.museothyssen.org
München, Alte Pinakothek.
Nürnberg, Albrecht Dürer Haus.
Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum: www.gnm.de
|
|