| |
Bild des Monats Juli/August 2007
Weitere 'Monatsbilder' finden Sie im Archiv.
Möchten Sie mehr über über das Thema Musik und Malerei erfahren?
Art Refresher® Intensivseminar Kunstgeschichte vermittelt Ihnen das Basiswissen, um über Kunst fundiert (mit)reden zu können und bietet Ihnen die Möglichkeit, vorhandenes Wissen zu vertiefen und zu aktualisieren.
Wilhelm Heiner (1902-1965),
Paul Hindemith, 1956,
Kohle und Kreide auf Bütten,
63 x 49 cm, Privatbesitz, Düsseldorf (Dauerleihgabe im Paul-Hindemith-Institut, Frankfurt a.M.)
Das Blatt mit Paul Hindemith (1895-1963) zeichnete Wilhelm Heiner am 9. März 1956 während einer Konzertprobe in der Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld. Paul Hindemith dirigiert Beethovens Symphonie Nr. 2, D-dur. Mit fliegenden Händen dirigierend, skizzierte Heiner ihn als ein wild bewegtes Farbenbündel, das eher an aufgezeichnete Töne als an die reale Figur des Interpreten erinnert. Nur andeutungsweise sind die drei Musiker im Vordergrund zu erkennen.
„Man muß sehen was gespielt wird.“ Mit diesem Anspruch zeichnete Wilhelm Heiner in den Jahren zwischen 1945 und 1960 zahlreiche Musikerporträts in Bielefeld, Bonner – und Kölner Konzertsälen und nicht zuletzt beim gemeinsamen Musizieren im Privathaus der Familie Heiner. An so einen Abend im privaten Rahmen erinnerte sich der Pianist Hans Richter Haase: „Nur zu gern erinner ich mich eines Abends (...), wo er mit der ihm eigenen Art mit grossen, kraftvollen Strichen eine Skizze von mir machte. (...) Diese Stunde werde ich nie vergessen, bot sie doch einen Akt schöpferischer Kraft, so unmittelbar, so eruptiv, wie man selten Zeuge sein darf.“
Wilhelm Heiner kannte die dargestellten Musiker alle persönlich. Paul Hindemith lernte er wohl schon in Berlin während der Studienjahre an der Preußischen Akademie der Künste (1925-1929) kennen. Das Meisteratelier von Heiner befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Berliner Hochschule für Musik in Charlottenburg, wo Hindemith seit 1927 Komposition lehrte. Heiner, der selbst musizierte, war fasziniert von der Musik Hindemith und er besuchte neben den Konzerten in Berlin und Bielefeld u.a. die von Hindemith komponierte Oper „Mathis der Maler“. Paul Hindemith war nicht nur einer der führenden Komponisten des 20. Jahrhunderts, sondern auch als Dirigent, Pädagoge und Philosoph nimmt Hindemith einen festen Platz in der Musikgeschichte ein. |
|
Heiner war es möglich, während des ´schöpferischen Aktes`, Malerei und Musik eins werden zu lassen. Mit den Musikern hat er sich auf Wahrheitssuche begeben und dort ist es ihm mit seiner suggestiven Darstellungskraft gelungen einen Moment geistiger Entrücktheit einzufangen, in dem sich der Musiker, ebenso wie der sehende und hörende Maler, gleichermaßen befunden haben.
Manchen Bildern hat er den Notenschlüssel einbeschrieben. Auch in diesem Blatt ist der Ansatz eines Notenschlüssels zu erkennen, der pfeilartig rechts aus dem Bild weist. So ist ein faszinierender Werdegang von Musik aufgezeichnet, der auch heute noch – im Zeitalter der digitalen Kommunikation und Multimedia – verzaubert: Die vom Komponisten aufgeschriebene Note, die Musikidee, wird vom Interpreten zum Erklingen gebracht und Wilhelm Heiner hat das Geschriebene und Erklungene wiederum auf Bütten in Kohle und Kreide zu einer einzigartigen Momentaufnahme verdichtet. Damit wird der Betrachter mit dem Musiker und Maler zum Grenzgänger verschiedenster Medien und hat Anteil an den Metamorphosen der Künstler.
„Heiners Bilder sind Huldigungen an den Genius der Musik, sind nicht mehr Porträts sondern menschgewordene Musik.“ Mit diesen Worten huldigte Egon Vietta die ersten Musikerporträts von Wilhelm Heiner, die bereits 1946 im Kunstsalon Otto Fischer in Bielfeld präsentiert wurden.
Nach 1960 wandte sich Wilhelm Heiner anderen Themen zu, doch bis Ende der 50er Jahre nutzte er immer wieder die Gelegenheit, bei herausragenden Konzerten Musiker zu zeichnen. So entstand diese außergewöhnliche Werkgruppe mit Musikerporträts von denen 50 Blätter die Stadt Bielefeld für die Kunsthalle erworben hat, weitere - nahezu 300 Blätter – befinden sich in Privatbesitz.
1957 ehrte die Stadt Bielefeld Wilhelm Heiner, der sich mit großem künstlerischem und kulturpolitischem Engagement für die Kunst und Kultur in Bielefeld einsetzte, mit dem Kulturpreise der Stadt. 1966 widmete das Kunsthaus Bielefeld dem Werk des Künstlers eine umfassende Gedächtnisausstellung.
Quellen / Literatur:
Gudrun Pamme-Vogelsang, Alles Ton und Schwingung, Wilhelm Heiner zum 100. Geburtstag, Bielefeld, 2002. Kontinuität und Brüche, in: KunstLeben 1945-1960. Wendt, Heiner, Kraft und die Bielefelder Kunstszene. Ausst. Kat. Bielefeld 2001. Wilhelm Heiner 1902-1965, Ausst. Kat. Bielefeld 1966.
Susanne Schaal und Angelika Storm-Rusche (Hg.) Paul Hindemith. Der Komponist als Zeichner, Zürich, Mainz 1995. Giselher Schubert, Paul Hindemith. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbeck 1981. Gottfried Benn, Briefwechsel mit Paul Hindemith, Stuttgart 1978.
Ausstellung / Links:
Von der Bühne fasziniert, Henning von Gierke, Wilhelm Heiner, Hans Jürgen Kallmann, Arnulf Rainer, eine Ausstellung anlässlich 15 Jahre Kallmann-Museum im Kallmann-Museum in der Orangerie Ismaning vom 13. Juli bis 7. Oktober 2007, www.kallmann-museum.de
Aktuelle Konzerttermine mit Werken von Paul Hindemith:
www.schott-musik.de
www.hindemith.org
|
|