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Wilhelm Heiner, Raissa Strutschkowa, Bolschoi-Ballett, 1958,
Pastellkreide auf Bütten,
62,5 x 48,5 cm,
Privatbesitz, Düsseldorf

Wilhelm Heiner, Raissa Strutschkowa, Bolschoi-Ballett

Im Sommer 1958 gastierte das Bolschoi-Ballett in München und in Hamburg - damals, in der Zeit des Kalten Krieges, ein außergewöhnliches Ereignis, dem der Spiegel in seiner Ausgabe vom 13. August 1958 einen mehrseitigen Artikel widmete. „Nach langem Zögern erlaubte das Auswärtige Amt den Stadtoberen von München, die 800-Jahr-Feier der bayerischen Hauptstadt mit einem Gastspiel des Bolschoi-Balletts zu krönen; die Freie und Hansestadt Hamburg profitierte von der seltenen Bonner Liberalität und holte die Moskauer auf nahezu vierzehn Tage an die Staatsoper“ – soviel zum Anlass des weltberühmten Kunstereignisses.

„Die Hauptlast des Gastspiels trug die 30jährige Primaballerina Raissa Strutschkowa“, die der Bielefelder Bildhauer, Maler und Bühnenbildner Wilhelm Heiner (1902-1965) während ihres Auftritts an der Hamburgischen Staatsoper zeichnete.

Das Werk von Wilhelm Heiner ist von Beginn an eng mit der Bühne verbunden. Schon während seiner Studienjahre in München (1923/24) und Berlin (1925-29) pflegte Heiner intensiven Kontakt mit der Theater- und Musikszene und beteiligte sich an den Theaterausstellungen in Mainz (1926) und Magdeburg (1927).

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarf Wilhelm Heiner neben seiner Atelier- und Lehrtätigkeit zahlreiche Bühnenbilder für die Oper und das Ballett der Stadt Bielefeld. Seine besondere Liebe galt der Musik und dem Tanz. Ausdrucksstarke Zeichnungen von Tänzerinnen und Tänzern des Sadler`s Wells- und des Bolschoi-Balletts sowie der Opéra de Paris zeichnete Heiner in London, Hamburg und Paris. Mit wenigen kraftvollen, dynamischen Linien in Kohle und Pastellkreide hielt Wilhelm Heiner die Konzentration im schöpferischen Ausdruck der Interpreten fest.

 

Diese Blatt mit Raissa Strutschkowa zeigt den Moment des „battement jeté“ - ein Tanzschritt, bei dem das Bein in einer expressiven, dynamischen Gebärde weit nach vorne gestreckt wird und die Arme lang nach oben weggestreckt sind. Diese Figur vermittelt Raumspannung und Dynamik, was durch das „pointé“, das Stehen auf hoher Spitze, zusätzlich betont wird.

Um welches Tanzstück es sich in dieser Zeichnung handelt, hat Wilhelm Heiner nicht vermerkt. In der Hamburgischen Staatsoper kamen neben klassischen Tanzstücken Schwanensee und Giselle zur Aufführung. Den „Sterbenden Schwan“ tanzte die damals 48jährige Ballettikone und der Spitzenstar des Bolschoi-Balletts, Galina Ulanowa. „Pas de deux“ aus der „Nussknacker-Suite“ von Tschaikowsky und „Walpurgisnacht“ von Gounod tanzten Raissa Strutschkowa, die „energischste Anwärterinnen auf den Platz der Allerersten Primaballerina“ und ihr Mann Alexander Lapauri.

Was die Zeitgenossen an den Aufführungen des Bolschoi-Balletts so faszinierte war neben der technischen Perfektion die Mischung von geschmeidig-malerischen Passagen mit strengen, scharf abgesetzten Drehungen und Sprüngen. „Kritiker wie Publikum bewunderten die zugleich stählernen und weichen Füße der Tänzerinnen und Tänzer.“ Nicht zuletzt beeindruckte die individuelle Spitzenleistung im Zusammenspiel des gesamten Ensembles.

„Solche Tanzkunst grenzt ans Wunderbare. Sie kommt aus einem Instinkt für den Körper, für die Bewegung, für die Hingabe an eine Methode, eine Zucht, eine strengstem Willen untergeordnete klassische Ausdruckskunst, der nur der sich frei unterwirft, der im Hinüberfließen seiner Persönlichkeit in die anonyme Institution ´Ballet` etwas wie Glück sieht,“ zitiert der Spiegel die Ausführungen des Münchner Kritikers Erich Pfeiffer-Belli anlässlich des Münchner Gastspiels.

Wilhelm Heiner hat 1952 in einem Brief daran erinnert, „(...) dass man den Tanz eine »Geheimsprache des Geistes« nennt. Der Tanz ist der Ursprung aller Künste. Die Lebenskraft und Lebenslust, die vom Tanz ausgeht, wirkt auf die Seele (...).“ Die Zeichnungen von Wilhelm Heiner lassen vermuten, dass er die ´Geheimsprache` verstand. Es ist ihm mit dem kritischen Blick des Malers und seinem starken Empfinden für den Tanz und die Musik gelungen, die Kräfte und Metamorphosen der Interpreten in einzigartiger Weise festzuhalten, sodass der Tanz von Raissa Strutschkowa noch heute seine Wirkkraft auf die Seele des Betrachters entfaltet.

Quellen / Literatur:
Bolschoi-Ballett, Teure Gäste,
in: Spiegel, 12. Jg., Nr. 33, 13.08.
Gudrun Pamme-Vogelsang, Alles Ton und Schwingung, Wilhelm Heiner zum 100. Geburtstag, Bielefeld, 2002.
Kontinuität und Brüche, in: KunstLeben 1945-1960. Wendt, Heiner, Kraft und die Bielefelder Kunstszene. Ausst. Kat. Bielefeld 2001.
Wilhelm Heiner 1902-1965, Ausst. Kat. Bielefeld 1966.

Ausstellung / Links:
Von der Bühne fasziniert, Henning von Gierke, Wilhelm Heiner, Hans Jürgen Kallmann, Arnulf Rainer, eine Ausstellung anlässlich 15 Jahre Kallmann-Museum im Kallmann-Museum in der Orangerie Ismaning vom 13. Juli bis 7. Oktober 2007, www.kallmann-museum.de

 
 

 

 

 

 
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